27. September 2016

Schafe zählen – Schaf und Lamm sind nicht nur in der christlichen Bilderwelt allgegenwärtig

 

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Auch in vielen Urlaubsgegenden besonders im Süden Deutschlands prägen Schafe, die auf einer saftig grünen Wiese weiden, das Landschaftsbild. Doch es werden weniger. Denn es gibt immer weniger Berufsschäfer in Deutschland. Ruth Häckh ist eine von 2000, die an der Tradition festhalten.

Es ist heiß auf der Schwäbischen Alb, über 30 Grad. Keine Wolke am Himmel. Die Sonne brennt, obwohl es schon später Nachmittag ist. Lustlos stehen die Schafe von Ruth Häckh auf der einst grünen Alm bei Sontheim, die jetzt aus vertrockneten Grashalmen besteht. Hier und da ein unzufriedenes Blöken. Bääh, scheint die Herde zu meckern. „Das Gras oder das, was davon übrig ist, ist den Schafen nicht saftig genug“, erklärt Ruth Häckh und versucht ihre Schäfchen dennoch zum Fressen zu bewegen, indem sie ihnen gut zuredet. „Ich kann ihnen ja schlecht Schnitzel und Pizza anbieten.“ Manche Schäfer erkennen ihre Schafe am Ton. Ruth Häckh kann ihre 230 Merino Landschafe alle ohne Schwierigkeiten unterscheiden. „Menschen aus anderen Kulturkreisen wie beispielsweise Asien oder Afrika sehen am Anfang für die meisten von uns auch erst einmal gleich aus. Das ändert sich, sobald wir sie besser kennen“, so Häckh. Das sei mit Schafen ähnlich.

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Schafehüten ist nicht romantisch
Heute hat sie ihren obligatorischen Filzhut, der zu ihrer standesgemäßen Berufskleidung gehört und gegen Kälte und vor Hitze schützt, ausnahmsweise gegen einen Strohhut eingetauscht. Zwischen ihren Schulterblättern baumelt ein dicker, geflochtener Zopf. Das einzige, was sich hier gerade freiwillig bewegt. Die 54-Jährige wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. In der anderen Hand hält sie das wichtigstes Utensil: ihren Stock, der am Ende einen kleinen Haken hat. „Den brauche ich zum Fangen.“ Auch immer mit in ihrer Tasche dabei: Ein Messer und Farbe zum Markieren. Falls sich ein Tier verletzt hat so wie gestern und Medizin braucht. Durch die Markierung ist es in der Herde schneller wiederzufinden.
Schafehüten wirkt auf Außenstehende meist sehr stressfrei: Den ganzen Tag draußen an der frischen Luft, zwischendurch zählt die Schäferin bzw. der Schäfer die Schafe und muss aufpassen, dabei nicht einzuschlafen. Dabei ist Schafhaltung ein Knochenjob! „Und oft Schwerstarbeit!“, betont Ruth Häckh, die ihre Schafe alle zwei bis drei Tage auf eine andere Wiese bringen muss. Was alles andere als romantisch sei. „Durch die Autos und den dichten Verkehrs, ist das für die Schafe sehr risikoreich“, sagt Häckh und wirkt zum ersten Mal nicht mehr entspannt. Zu oft wird viel zu schnell gefahren oder der Fahrer ist mit seinem Handy beschäftigt. Dann hofft Ruth Häckh inständig, dass die rasanten Fahrer ihre Bremse genauso gut bedienen können, wie das Gaspedal. Warten, bis die Straße frei ist? Keine Option, wenn über 200 Schafe zum Futter drängen.
Lange Zeit hatte Ruth Häckh über 400 Mutterschafe und 120 Hektar Sommerweide auf der schwäbischen Alb, verteilt auf sieben Gemeinden; die Winterweide war am Bodensee. Sie hat ihre Herde auf die Hälfte reduziert. Lange Wanderungen, die früher selbstverständlich waren, gibt es heutzutage nicht mehr. Der Radius hat sich stark verkleinert. Ebenso die Zahl der Wanderschäfer und Wanderschäferinnen. Zurzeit gibt es in Deutschland rund 2000 Berufsschäfer – vor zehn Jahren waren es noch etwa 2500. Auch die Anzahl der Schafe schrumpfte innerhalb von rund 150 Jahren von 28 Millionen auf ca. 2,4 Millionen Schafe.

 

Die ältesten Haustiere
Dabei gehören die wollenden Wiederkäuer zu den ältesten Nutztieren der Welt. Schätzungsweise 6000 vor Christus kamen die ersten Schafe nach Europa, gaben Fleisch, Dünger, Haut und Fell, denn erst später hatten Schafe die klassische Wolle wie wir sie heute kennen. Weltweit gibt es über 600 Hausschafrassen, in Deutschland sind es über 50. Jahrhunderte lang war man auf die Wolle angewiesen. Das ist längst nicht mehr der Fall. Für Ruth Häckh, deren Vater und Urgroßvater schon Schäfer waren, ist Bio-Lammfleisch die Haupteinnahmequelle. Sie stellte 1999 den väterlichen Betrieb auf biologische Wirtschaftsweise um. Ihr Mann, ebenfalls Schäfer und Schafscherer, unterstützt sie. Die Zeiten, in denen sie auch mit der Wolle oder dem Fell Geld verdienen konnte, sind lange vorbei. Einer der Gründe, warum ihre beiden Söhne die Tradition nicht weiterführen; sie haben sich für einen anderen Beruf entschieden.
Umweltaktivisten und Rasenmäher auf vier Beinen
„Wir pflegen die Landschaft, die Sie lieben“ – so das Motto der Kampagne, die der Bundesverband Berufsschäfer e.V. startete. Das Ziel: Den Beruf des Schäfers eine Zukunft sichern. Denn Schäfer kümmern sich nicht nur um wirtschaftlich orientierte und artgerechte Schaf- und Ziegenhaltung. Sie erzeugen darüber hinaus auch Wolle, Felle, Fleisch, Wurst, Schinken, Milch und Käse. Und ihre Schafe sind wahre Umweltschützer! Sie haben eine positive Wirkung auf Boden, Wasser, Luft und Lebensräume, indem sie Grünflächen gleichmäßig abfressen, Samen über weite Strecken verteilen und selbst auf Böden weiden, wo kein Rasenmäher hinkommt. Auch Ruth Häckh ist Mitglied im Bundesverband, der sich für ein angemessenes Familieneinkommen einsetzt und eine schlankere Bürokratie fordert.

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Am Existenzminimum trotz 3500 Arbeitsstunden
Seit heute morgen sechs Uhr ist die Schäferin schon auf den Beinen. Wie jeden Morgen in den Sommermonaten hat die Allgäuerin die Ställe kontrolliert, ob alle neugeborenen Lämmer fit und munter sind, und die Kleinen und ihre Mütter versorgt. Anschließend ist sie zu den anderen Tieren gefahren, die auf mehreren Koppeln verteilt sind. Sie ist nicht nur in der Hitze bei ihren Schafen, sondern auch bei Wind und Wetter und am Wochenende. Kein Problem für die Schäferin. Schlimmer findet die Allgäuerin, dass sie immer häufiger zu Hause am Schreibtisch sitzen muss. Bis zu einem Drittel ihrer Arbeitszeit verbringt die Schäferin am PC. Feierabend ist für Ruth Häckh erst gegen 21.30 Uhr. Und das an fast 365 Tage im Jahr. Schäferinnen und Schäfer arbeiten durchschnittlich 3500 Stunden pro Jahr! Das sind fast zehn Stunden am Tag, bei sieben Tagen die Woche. Für durchschnittlich 4,85 Euro Stundenlohn, so die offiziellen Zahlen aus dem Schafreport 2015, für den 30 Schafhaltungsbetriebe unter ökonomischen und produktionstechnischen Gesichtspunkten ausgewertet wurden. Warum sich Ruth Häckh dafür entschieden hat, den Beruf des Vaters zu lernen und Schäferin zu werden? Weil der Beruf sie fasziniert: „Schäfer und Hirten gibt es schon sehr lange. Im Gegensatz zu Schäfern, ziehen Hirten als Nomaden durchs Land, um genügend Futter für ihre Tiere zu finden. Wie in der Weihnachtsgeschichte gibt es Hirten in der arabischen Wüste, wo sie Kamel hüten oder auch hoch im Norden für die Rentiere. Schäfer sind nur für Schafe da!“ Das Vorurteil, dass Schafe dumm sind, kann Ruth Häckh nicht bestätigen: „Rechnen können Schafe nicht, aber sie sind schlauer als man denkt und wissen sehr viel.“