20. Dezember 2015

Ich wusste nicht, ob ich meine Tochter lieben könnte – Interview mit Fabien Toulmé:

TOULME-Fabien-©-Chloé-Vollmer-LoDass ein Comic durchaus tiefgründig und sehr berührend sein kann, beweist der Franzose Fabien Toulmé mit seiner ersten Graphic Novel „Dich hätte ich mir anders vorgestellt“ – der Überraschungserfolg in Frankreich 2015.

Es ist eine wahre Geschichte, über ihn, seine Familie, aber vor allem seine Tochter Julia, die mit dem Down-Syndrom zur Welt kommt und die er als Neugebornes hässlich findet, weil es aussieht wie eine Fleischroulade.

Nichts lässt Toulmé aus, nichts wird beschönigt. Schonungslos ehrlich erzählt der Vater über seine Wut und die Enttäuschung ein Kind mit Behinderung bekommen zu haben. Er lässt die Leser aber auch an der wunderbaren Entwicklung teilhaben, die sich vollzieht und zeigt in starken Bildern wie emotional die Vater-Tochter-Beziehung heute ist.

Kolping: „Hallo Monsieur Toulmé, Ihre zweite Tochter Julia kam mit dem Down-Syndrom und einem Herzfehler zur Welt. In Ihrer Graphic Novel beschreiben Sie eindrücklich über Ihre Angst, das Baby könnte mit dieser Behinderung zur Welt kommen. Was war Ihr größte Sorge?
Toulmé: „Ich habe mir Kinder gewünscht, mit denen ich einen Austausch haben kann, Dialoge führen. Ich dachte, dass dies mit Kindern, die das Down-Syndrom haben, nicht möglich ist, dass Julia für immer wie ein Kleinkind ist. Heute fällt es mir nicht schwer, mich um sie zu kümmern, im Gegenteil – wenn man jemanden liebt, empfindet man das nicht als Last. Auch wenn ich mich für immer um sie kümmern müsste. Dennoch wünsche ich mir natürlich, dass beide Kinder irgendwann autonom leben, da ich irgendwann den Stift abgebe.“

Waren Ihre Sorgen rückblickend berechtigt?
Toulmé: „Ich glaubte zu wissen, was das Down-Syndrom ist, aber ich hatte eine falsche Vorstellung davon. Heute weiß ich: Ich hatte keine Ahnung! Hätte ich am Anfang gewusst, was es bedeutet, ein Kind mit Down-Syndrom zu haben, hätte mich jemand aufgeklärt, wäre ich weniger besorgt und gar nicht so traurig gewesen.“

In Ihrer Graphic Novel erfährt man viel über Ihre Gefühle: Da sind Wut, Enttäuschung, sogar Ekel und auch Schuldgefühle. War das eine Art Selbsttherapie?
Toulmé: „Nein, definitiv nicht! Als Julia  geboren wurde, hatte ich keine Lust zu zeichnen. Erst drei Jahre nach ihrer Geburt fing ich mit der Geschichte an und war zu dem Zeitpunkt über ihre Behinderung und die neue Herausforderung als Vater längst erhaben. Julia war da kein ‚behindertes Kind’ für mich, sondern eine Tochter, die ich genauso liebe wie ihre Schwester. Es gab keinen Schmerz beim Schreiben, kein Bedürfnis, mich von einer Last zu befreien. Nur das Bedürfnis, eine Geschichte zu erzählen, die berührt. Und die beste Art, eine berührende und wahrhaftige Geschichte zu erzählen, war es, so präzise und ehrlich wie nur möglich zu schildern, was wir als Eltern erlebt und gefühlt haben.“

Fiel es Ihnen schwer, sich an diese Zeit zurückzuerinnern?
Toulmé: „Natürlich hat es mich nicht kaltgelassen, an diese Zeit und die Entwicklung, die ich durchgemacht habe, zurückzudenken. Aber dieses Gefühl war ein rein positives, keine Traurigkeit und kein Bedauern, eher eine Art Zufriedenheit bei dem Gedanken daran, wie sehr ich mich als Mensch und Vater weiterentwickelt habe.“

Wann hatten Sie die Idee, Ihre Geschichte als Comic zu veröffentlichen?
Toulmé: „Auf einer Comicmesse stellte mir eine Verleger die entscheidende Frage:‚Hast du ein Thema, das dich berührt, eine Geschichte, die du unbedingt erzählen willst?’ Dass es ein so autobiografischer Comic werden würde, stand zu dem Augenblick nicht fest. Doch irgendwann war klar: Es ist meine Geschichte und dafür stehe ich als Vater, auch wenn sie nicht immer politisch korrekt ist.“

Im Comic wirken Sie in einigen Situationen nicht entspannt. Wie sind Sie als Vater?
Toulmé:  „Ich bin ein sehr ruhiger Typ, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Ich war am Anfang traurig, enttäuscht, aber im Comic habe ich mich überzogen dargestellt, wegen der Dramaturgie – die Schweißtropfen sind karikiert. In Wirklichkeit bin ich überhaupt nicht so nervös wie ich mich an manchen Stellen dargestellt habe. Patrizia, meine Frau, ist auch sehr ruhig.“

Sie haben zwei Töchter. Sind sie sich ähnlich oder gibt es Unterschiede? 
Toulmé: „Nein, es gibt keine großen Unterschiede – die eine ist neun Jahre alt, die andere sechs und befindet sich zurzeit in der Trotzphase. Bei Julia braucht alles ein bisschen länger – das Laufen lernen ebenso wie das Sprechen lernen oder das Schreiben in der Schule. Sie besucht eine Regelgrundschule und hat eine Betreuerin, die sie durch den Schulalltag begleitet und ihr bei ihren Aktivitäten hilft. Als Eltern brauchen wir im Vergleich zu ihrer älteren Schwester mehr Geduld, aber sonst gibt es keine großen Unterschiede.“

Dennoch haben Sie sich, laut Buchtitel, Ihre Tochter anders vorgestellt.
Toulmé: „Julia war ein ‚unerwartetes’ Kind. In der Regel kommt erst mal eine Phase der Trauer über den Verlust des Kindes, auf das man gehofft hat. Danach entsteht aber eine starke Bindung zu dem neuen Kind. Vielleicht hat dieses Phänomen auch nicht unbedingt was mit dem Thema Behinderung zu tun. Ein Kind ist selten so, wie man es sich vorgestellt hat, als es noch im Bauch der Mutter war. Kinder sind immer ‚unerwartet’.

„Dich hätte ich mir anders vorgestellt …“
avant-Verlag
ISBN 978-3-945034-34-7
24,95 Euro