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Wundervolle Weihnachtsgeschichten für Kinder

Wann ist denn endlich Weihnachten? Voller Vorfreude und ganz zappelig fiebern Kinder dem Heiligabend entgegen. Die 24 Tage bis zum Weihnachtsfest, die ziehen sich allerdings endlos lange hin. Das Warten kann man Kindern mit den stimmungsvollen Weihnachtsgeschichten aus der „Winterwundernacht“ versüßen – 24 an der Zahl, für jeden Tag eine. Da geht es um verrückte Krippenspiele, den ersten Adventskranz, freche Weihnachtsdiebe oder ganz besondere Festgäste! Geeignet zum Vor- und Selberlesen steigern die Geschichten die Vorfreude, vermitteln kindgerecht die Weihnachtsbotschaft – und regen mal zum Nachdenken, mal zum Lachen an. Eine Geschichte aus „Winterwundernacht“ hat unsere Blog-Autorin Anja Schimanke geschrieben, die wir hier allen Familien zur Verfügung stellen.

 

 

 


Der Mann vor dem Supermarkt

Es gibt Geschichten, die kann man nicht glauben, weil sie so unglaublich sind. Quatsch, sagt man dann zu dem, der sie einem erzählt, du willst mich wohl auf den Arm nehmen. Aber genauso eine Geschichte habe ich selbst erlebt. Und mit einem Schulbrot fing alles an. Jeden Tag, wenn ich in die Schule gehe, schmiert mir meine Mama ein Butterbrot. Das soll ich in der Pause essen. Und als ob das nicht schon genug wäre, gibt’s dazu auch noch Möhren, Paprika, Äpfel, Trauben – in meinem Ranzen sieht es aus wie beim Gemüsehändler. „Wann soll ich denn das alles essen?“, knurrte ich und quetschte das Grünzeug zwischen Mäppchen und Mathebuch. „In der Pause natürlich, Lukas“, sagte meine Mutter und reichte mir noch eine Mandarine, „dazu sind Pausen schließlich da!“ „In der Pause habe ich keine Zeit. Da muss ich doch mit Jonathan und Ali Fußball spielen.“ Aber das versteht meine Mama nicht. Sie lachte und verwuschelte mir die Haare. „Du weißt doch, dass Gemüse wichtig ist! Wegen der Vitamine. Die geben Power!“ Eins zu null für Mama. Ich startete einen letzten Gegenangriff: „Nur Hasen effen fo viel Pflanfen“, fisperte ich und setzte meinen Hundebabyblick auf. Damit kriege ich sie immer. Diesmal nicht! „Die Brote werden gegessen!“, sagte Mama mit strenger Stimme und hielt mir die Hand hin, „Versprochen?“ Ich musste einschlagen. „Okay, versprochen!“, nuschelte ich leise. „Ehrenwort?“ „Ja-ha“, kam es nur sehr widerwillig über meine Lippen. Mama grinste. Sie hatte gewonnen.

Wer jetzt denkt, ich hätte meine Finger hinterm Rücken überkreuzt, den muss ich leider enttäuschen. Gleich vom nächsten Tag an, wurde mein Pausenfrühstück wirklich immer gegessen. Allerdings nicht von mir. Elias isst es. Er kann Vitamine und Power gut gebrauchen. Sein Gesicht hat tiefe Falten und sieht aus, als hätte es eine Staubschicht – so gräulich ist es. Auch seine Haare sind grau und ganz strubbelig und stehen ihm vom Kopf ab, als wäre er gerade erst aus dem Bett aufgestanden. Elias hat aber gar kein Bett. Er hat auch keine Wohnung. Elias ist der Mann, der vor unserem Supermarkt sitzt. Ein Obdachloser. Manche sagen auch Penner, obwohl man das nicht sagen darf.

Im Sommer war er plötzlich da. Seitdem sitzt er jeden Tag auf seiner dunklen Wolldecke, die schon ganz kaputt ist und viele Löcher hat und spielt auf seiner Mundharmonika. Das klingt … schön traurig. Mama und ich bleiben immer stehen, wenn er spielt und hören zu. Auch an Nikolaus, als wir einkaufen waren, spielte er wieder. „Lasst uns froh und munter sein“ – das war so wunderschön, dass immer mehr Leute aus dem Supermarkt kamen, um ihm zuzuhören. Einige sangen mit, andere summten. Dann klatschten alle und manche gaben ihm Geld. Auch Mama: „Kaufen Sie sich davon etwas zu Essen, ja?“, hat sie zu ihm gesagt. „Sie wissen schon, wegen der Vitamine, die braucht man ganz besonders, wenn man wie Sie auf der Straße lebt.“ Da fiel mir mein Versprechen ein, das ich ihr gestern vor der Schule gegeben hatte, und mein Schulbrot, das seitdem zusammen mit dem Grünzeug in meinem Ranzen lag und vor sich hingammelte. Langsam, aber sicher würde ich einen Komposthaufen spazieren tragen. Wenn ich meine Pausenbrote allerdings immer dem Mann gäbe, wäre uns doch beiden geholfen. Mein Plan stand fest: Gleich morgen vor der Schule würde ich ihm meine belegten Brote bringen und das Gemüse noch dazu. Er hat dann ein Frühstück – und ich kann in der Pause weiterhin Fußballspielen.

Natürlich fand Elias das Ganze schon merkwürdig, als ich am nächsten Morgen mit der Brotbox vor ihm stand. „Sind die vergiftet, oder was?“, hat er gegrummelt, als ich ihm mein Butterbrot, Trauben und einen klein geschnittenen Apfel in einer Tupperdose reichte. „Bitte … essen … Sie … das“, stammelte ich, denn ich war ein bisschen aufgeregt, „Sie machen mir damit eine große Freude. Und meiner Mama auch. Sie hat mich ja erst auf die Idee gebracht.“ Ich probierte es wieder mit dem Hundebabyblick. Diesmal klappte er. Elias guckte erst komisch, dann lächelte er. „Ich esse das nur, wenn du versprichst, mich Elias zu nennen. Dann sind wir Freunde!“

Seitdem gehe ich jeden Morgen, bevor ich ihn die Schule gehe, einen kleinen Umweg und besuche Elias vor dem Supermarkt. Und ich nehme jetzt freiwillig immer ein Brot mehr mit. Sogar eins mit Leberwurst und Senf. „Senf?“ hat Papa heute ungläubig gefragt und mich mit großen Augen angesehen. „Seit wann magst du denn Senf?“ „Lass’ ihn doch“, hat Mama gesagt und mir zugezwinkert. Ob sie etwas weiß? Bestimmt nicht. „Ich muss mich beeilen, sonst komme ich zu spät zu Eli … – ähm – Reli“.

Puh, das war knapp. Fast hätte ich mich verraten. Viel Spaß beim letzten Schultag, hat Papa mir nachgerufen, „Morgen sind ja schon Weihnachtsferien.“

Weihnachtsferien – oh, nein, Mist, die hatte ich ja komplett vergessen. Was wird dann aus Elias? Keine Schule – kein Pausenbrot! Ausgerechnet an Weihnachten bringe ich ihm dann nichts zu essen. Ich machte mich auf den Weg zu ihm und fing an zu grübeln. Vielleicht könnte ich eine Tiefkühlpizza aus dem Eisfach holen und ihm schenken? Blöde Idee. Wie soll er sich denn die Pizza machen? Er hat ja keinen Backofen. Mir fiel der Schokoladenweihnachtsmann ein und die anderen Süßigkeiten, die ich noch von Nikolaus übrig hatte. Die könnte ich ihm bringen. Und auch etwas von unserem Kartoffelsalat und ein paar Würstchen. Fehlte nur noch ein schönes Geschenk. Vielleicht eine neue Decke? Aber wo sollte ich ihm sein Geschenk denn hinlegen? Elias hat ja keinen Weihnachtsbaum mit Lichterkette, denn dafür braucht man Strom und Strom hat Elias ja nicht, wenn er auf der Straße lebt. Brr, war das kalt heute. In der Nacht soll es Schnee geben, haben sie im  Wetterbericht gesagt. Pünktlich zu Weihnachten. Ob Elias dann auch vor dem Supermarkt sitzen wird? Oder wohin geht er, wenn es dunkel ist?

„Hey, du, guten Morgen“, begrüßte mich Elias und strahlte mich gut gelaunt an. „Ups, fast wäre ich an dir vorbeigelaufen“, sagte ich noch ganz in Gedanken und kramte in meinem Ranzen nach dem Essen und reichte es ihm nacheinander. Elias rieb sich die Hände. Erst dachte ich, weil er sich so freut. Dann sah ich aber, dass sie vor Kälte schon ganz blau waren. Und seine Fingernägel sahen aus, als hätte er im Garten gebuddelt. Ich tat so als hätte ich es nicht bemerkt. „Wo feierst du eigentlich Weihnachten?“, fragte ich ihn,  während er gierig ins Butterbrot biss. „Weihnachten?“, schmatzte er, „seit ich jeden Morgen so ein köstliches Frühstück bekomme, ist für mich jeden Tag wie Weihnachten!“ „Ich muss an Heiligabend immer baden“, hörte ich mich plötzlich sagen. „Haare waschen, Fingernägel schneiden, das ganze Programm.“ „Mmh“, machte Elias und kratzte sich am Kopf. „Baden ist toll!“ Dann sah er nach unten, auf seine Hose, als würde er die vielen Flecken zählen oder die Löcher, vielleicht auch beides. Dann zog er seine Mundharmonika heraus und gab sie mir. „Hier, für dich!“, sagte er und grinste mich an, „fröhliche Weihnachten!“ Ich überlegte kurz. Dann war ich mir sicher. „Die kannst du mir nicht schenken. Die brauchst du noch!“ Elias kniff die Augen zusammen und blickte mich an. „Mein größter Wunsch ist es, dass du an Weihnachten bei uns zu Hause bist und auch ein paar Lieder spielst.“ Ups, jetzt war es raus. Es gab kein Zurück mehr. Mein Herz klopfte wie verrückt. Und in meinem Bauch kribbelte es wie Brausepulver mit Sprudelwasser. Elias saß einfach nur da und sagte nichts. Vielleicht will er ja gar nicht bei uns feiern? Oder er hat schon eine andere Einladung? „Du kannst auch bei uns baden. Und Socken kriegst du von meinem Vater. Er bekommt an Weihnachten sowieso immer neue. Hemden hat er auch viel zu viele, sagt meine Mama immer. Und zu essen gibt es auch – Kartoffelsalat und Würstchen!“

VERLOSUNG

Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?

Weihnachten ist das Fest der Liebe – und der Geschenke. Heiligabend ohne Päckchen zum Auspacken, die unterm Weihnachtsbaum liegen? Ohne ein Zuhause? Ganz allein. Das kann sich Lukas gar nicht vorstellen. Und Du? Was gehört für Dich zum Weihnachtsfest unbedingt dazu? Vielleicht auch Kartoffelsalat? Worauf freust Du Dich am meisten? Und was wünschst Du dir?

Schreibt oder malt uns! Wir verlosen drei Exemplare von der „Winterwundernacht“. Einfach per E-Mail (info@kolping-urlaub.de) oder zusammen mit deinen Eltern auf Facebook. Viel Glück!

Winterwundernacht – 24 Geschichten bis Heiligabend“,Brendow Verlag, für Kinder ab 6 Jahre, 14,95 Euro, ISBN 978-3-86506-534-6